Meine Enttäuschung - oder der Zauber der Transformation

 

Es klopft, laut und heftig.

Ich öffne die Tür und da steht sie. Meine Enttäuschung. Tränen verschmiert, frierend und zitternd steht sie in der bitterkalten Nacht. Ich habe sie nicht sofort erkannt, zu dunkel ist es da draußen.
Doch das zerzauste Haar, die verquollenen Augen
sie sind mir zu vertraut, als dass ich sie nicht erkennen könnte.  Und so lade ich sie aus der kalten, dunklen Nacht ein, in meinen Raum.

 

Es ist wohlig warm in meinem Raum, sanft leuchtet das Licht und der warme Kamin knistert leise. Meine Enttäuschung nimmt im weichen Fauteuil am Feuer Platz. Ich hülle sie in eine warme Decke und mache ihr heissen Kakao. Sie soll sich wohl fühlen, geborgen fühlen. Ich nehme ihre kalten Hände in die meinen, streichle sanft ihre krummen Finger. Darf ich ein wenig bleiben?“ Sie sieht mich mit großen, unsicheren Augen fragend an.

 

Natürlich darf sie bleiben. Mein Raum ist ein heiliger Raum. Hier ist Platz für Heilung und Wandel. Hier kann sie ganz die sein, die sie ist. Hier kann sie weinen, schreien, toben oder sich die kalten Finger wärmen. Hier gibt es keine Zeit, kein Soll, kein Muss. Einfach nur Raum, der sie weich umschließt, ohne einzuengen.

Schön ist sie, wie sie mir so Tränen verschmiert gegenübersitzt und ihren Kakao schlürft. Erst jetzt erkenne ich, dass ein blaues Auge und einige Narben ihr Gesicht zieren. Sie hat wohl schon so einiges hinter sich

 

Gemeinsam ruhen wir in der Stille, die nur vom Knistern des Feuers begleitet wird. Wir beide wissen, wenn es Worte braucht, dann werden sie von selbst fließen. Ich halte die krummen Finger noch immer in den meinen. Sie fühlen sich jetzt weich und warm an. Ich blicke ihr tief in die sanften Augen, die Tränen sind getrocknet und sie schenkt mir ein Lächeln.

„In deinen Augen erkenne ich meine Wahrheit. Das Licht deines Raumes erhellt mein Innerstes und ich darf meine wahre Schönheit preisgeben. Jetzt verstehe ich, dass ich ein großes Geschenk in mir trage. Das Geschenk der Erkenntnis."

 

Und da passiert es: wir lachennein, wir prusten vielmehr los, es gluckst förmlich aus uns heraus. Es gibt kein Halten mehr. Die Körper vibrieren und es prickelt, als wäre im Inneren eine Sektflasche geöffnet worden. Mit einem Mal sind die Herzen weit offen. Ein wahrlich heiliger Moment.

 

Erschöpft fallen wir einander in die Arme, versinken in einer innigen Umarmung. Endlos. Zeitlos. Dankbar. Der Zauber der Leichtigkeit erfüllt den Raum. Etwas hat sich verändert. Vor mir steht keine zittrig,- verweinte Enttäuschung mehr, sondern eine strahlend schöne Erscheinung.

 

„Es ist Zeit für Abschied. Der Kakao ist getrunken und meine Finger sind gewärmt.“ Sie zwinkert mir zu und bevor sie wieder ins Dunkel der Nacht eintaucht, überreicht sie mir ihr Geschenk. „Danke, dass ich mein wahres ICH erkennen durfte.“ Und wie eine Sternschnuppe huscht sie in den schwarzen Nachthimmel.

Lächelnd öffne ich das Geschenk, es funkelt, es glitzert und leuchtet. Was für eine Pracht!
 
Seitdem ziert es meinen Raum, der nun noch ein ganzes Stück heller scheint…

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Jella (Samstag, 28 Dezember 2019 11:57)

    Sehr schön!